Auf einen Blick
- PAAG = Prognose von Abweichungen, Auffinden der Ursachen, Abschätzen der Auswirkungen, Gegenmaßnahmen.
- PAAG und HAZOP sind dieselbe Methode. Die Broschüre der IVSS Sektion Chemie bezeichnet das PAAG-Verfahren ausdrücklich als identisch mit der HAZOP-Methode.
- Unterschiede bestehen nur in Begriffen und Details: Sollfunktion statt Auslegungsabsicht, Funktionseinheit statt Knoten, sieben klassische Leitworte.
- Maßgebliche deutsche Grundlage ist die kostenlose Broschüre „Risikobeurteilung in der Anlagensicherheit – Das PAAG-/HAZOP-Verfahren und weitere praxisbewährte Methoden“ (IVSS Sektion Chemie / BG RCI, 5. Ausgabe 2020).
Was bedeutet PAAG?
Die Abkürzung PAAG beschreibt die vier Schritte, mit denen ein Team jede Funktionseinheit einer Anlage untersucht:
| Buchstabe | Schritt | Leitfrage des Teams |
|---|---|---|
| P | Prognose von Abweichungen | Welche Abweichungen von der Sollfunktion sind denkbar? Die Leitworte helfen, sie systematisch zu finden. |
| A | Auffinden der Ursachen | Wodurch kann die Abweichung entstehen – technisches Versagen, Bedienfehler, äußere Einwirkungen? |
| A | Abschätzen der Auswirkungen | Was passiert, wenn die Abweichung eintritt – zunächst ohne Berücksichtigung vorhandener Schutzmaßnahmen? |
| G | Gegenmaßnahmen | Welche Maßnahmen sind vorhanden, reichen sie aus, und welche weiteren sind nötig? |
In älteren Veröffentlichungen findet sich auch die Lesart „Prognose von Störungen“. Die aktuelle Broschüre der IVSS verwendet „Prognose von Abweichungen“.
PAAG und HAZOP: Gibt es einen Unterschied?
Nein, methodisch nicht. Das PAAG-Verfahren ist die deutsche Fassung der HAZOP-Analyse: ein moderiertes, interdisziplinäres Brainstorming, das mit Leitworten systematisch nach Abweichungen sucht. Unterschiede gibt es in der Sprache und in einigen Details der Praxis:
| PAAG-Verfahren | HAZOP / IEC 61882 | Bedeutung |
|---|---|---|
| Funktionseinheit | Part, in der Praxis Node (Knoten) | Abgegrenzter Anlagenteil oder Verfahrensschritt |
| Sollfunktion | Design intent (Auslegungsabsicht) | Was die Funktionseinheit leisten soll, mit allen Prozessgrößen |
| Leitwort | Guide word | Frageimpuls, z. B. MEHR oder ANDERS ALS |
| Abweichung | Deviation | Leitwort angewandt auf einen Parameter |
| Gegenmaßnahmen | Safeguards und Recommendations | Vorhandene und zusätzlich erforderliche Maßnahmen |
| Moderation, Schriftführung | Study leader, Recorder | Leitung der Sitzung und Protokoll |
Beim Leitwortsatz arbeitet das klassische PAAG-Verfahren mit sieben Leitworten. Abweichungen im Zeitpunkt („zu früh“, „zu spät“) fallen dort unter ANDERS ALS, eine vertauschte Reihenfolge unter UMKEHRUNG. Die IEC 61882 führt dafür eigene Leitworte (EARLY/LATE, BEFORE/AFTER).
Wie aus der HAZOP das PAAG-Verfahren wurde
- 1960er-Jahre: Der britische Chemiekonzern ICI entwickelt die HAZOP; 1977 veröffentlicht die Chemical Industries Association einen Leitfaden.
- März 1980: Die IVSS Sektion Chemie bringt die erste deutsche Broschüre heraus, eine Übersetzung des britischen Leitfadens.
- Mai 1980: Die damalige BG Chemie (heute BG RCI) veranstaltet das erste Seminar zur Methode, geleitet von ICI-Fachleuten.
- Juni 1980: Die erste Störfall-Verordnung wird erlassen.
- April 1982: Die Zweite Störfall-Verwaltungsvorschrift nennt das PAAG-Verfahren ausdrücklich als einen Weg, die geforderte systematische Vorgehensweise zu erfüllen – das verschafft ihm breite Akzeptanz.
- 2020: Die IVSS Sektion Chemie veröffentlicht die 5. Ausgabe ihrer Broschüre zur Risikobeurteilung in der Anlagensicherheit mit dem PAAG-/HAZOP-Verfahren als Kernstück.
Ablauf des PAAG-Verfahrens
- Vorbereitung: Team zusammenstellen, Unterlagen sammeln (R&I-Fließbilder, Verfahrensbeschreibung, Stoffdaten), die zu untersuchenden Funktionseinheiten festlegen.
- Sollfunktion beschreiben: Für jede Funktionseinheit wird festgehalten, was sie leisten soll – mit allen relevanten Prozessgrößen.
- Prognose von Abweichungen: Leitworte und Parameter werden kombiniert, um mögliche Abweichungen zu finden. Ob mit dem Leitwort oder mit dem Parameter begonnen wird, ist frei wählbar.
- Auffinden der Ursachen: Für jede sinnvolle Abweichung werden mögliche Ursachen gesucht.
- Abschätzen der Auswirkungen: Die Folgekette wird verfolgt, wobei vorhandene Schutzmaßnahmen wie Überfüllsicherungen, Sicherheitsventile oder Betriebsanweisungen zunächst bewusst außer Acht bleiben.
- Gegenmaßnahmen: Vorhandene Maßnahmen werden auf Wirksamkeit geprüft; wo sie nicht ausreichen, legt das Team zusätzliche Maßnahmen mit Verantwortlichen und Termin fest.
- Dokumentation: Ergebnisse, offene Punkte und ihr Status werden festgehalten und von den Beteiligten bestätigt.
Die Sollfunktion: der entscheidende Schritt
Nur was klar beschrieben ist, lässt sich auf Abweichungen prüfen. Die Sollfunktion ist deshalb oft der entscheidende Teil einer PAAG-Studie. Sie sollte alle prozessrelevanten Größen enthalten:
- Tätigkeit (fördern, dosieren, mischen, reagieren, lagern …)
- Stoff und Komponenten
- Menge bzw. Durchfluss
- Temperatur und Druck
- Zeitpunkt, Reihenfolge und Dauer
- Ort, Weg und Richtung
- bei Bedarf Viskosität, Konzentration oder pH-Wert
Ein Beispiel: „Methanol aus Tank T-101 über Pumpe P-101 mit 5 m³/h bei 20 °C und 4 bar(ü) in den Reaktor R-201 fördern, während Schritt 3 der Fahrweise.“ Aus einer solchen Beschreibung lassen sich Abweichungen wie „mehr Durchfluss“, „falscher Stoff“ oder „Förderung vor Schritt 3“ unmittelbar ableiten.
Die sieben PAAG-Leitworte
| Leitwort | Bedeutung | Beispiele |
|---|---|---|
| NEIN / NICHT | Die Sollfunktion oder Teile davon finden nicht statt | Keine Förderung, Komponente fehlt |
| MEHR | Quantitative Zunahme einer Größe | Mehr Durchfluss, höhere Temperatur, höherer Druck |
| WENIGER | Quantitative Abnahme einer Größe | Weniger Durchfluss, niedrigere Temperatur |
| SOWOHL ALS AUCH | Die Sollfunktion wird erfüllt, zusätzlich geschieht etwas anderes | Verunreinigung, Leckage, Korrosion, statische Aufladung |
| TEILWEISE | Die Sollfunktion wird nur teilweise erfüllt | Unvollständige Reaktion, Entmischung, Rührer ausgefallen |
| UMKEHRUNG | Umgekehrte Richtung oder Reihenfolge | Rückströmung, vertauschte Schrittfolge |
| ANDERS ALS | Teile der Sollfunktion werden durch etwas anderes ersetzt | Falscher Stoff, falscher Behälter, zu früh oder zu spät, andere Betriebsart |
Manche Unternehmen reduzieren auf vier Leitworte (NEIN, MEHR, WENIGER, ANDERS ALS), andere nutzen Kataloge „konkretisierter Leitworte“ aus Leitwort und Parameter. Den Vergleich mit den Leitworten der IEC 61882 zeigt der Beitrag HAZOP-Analyse.
Dokumentation im PAAG-Verfahren
Ein typisches PAAG-Formblatt hat einen Kopf mit Verfahren, Anlage, Fließbild-Nummer, Teilanlage oder Apparat und der Sollfunktion. Die Spalten folgen den vier Schritten: laufende Nummer, Abweichung, Ursache, Auswirkung, Gegenmaßnahmen (vorhanden oder zusätzlich erforderlich), Verantwortlich, Termin und Bemerkung. Manche Unternehmen verwenden die Begriffe der Störfall-Verordnung oder deutlich mehr Spalten.
Wichtig ist, dass die Dokumentation aus sich heraus verständlich und nachvollziehbar ist und bei Änderungen der Anlage aktuell gehalten wird. Unsere kostenlose HAZOP-/PAAG-Vorlage enthält diese Spalten sowie eine getrennte Risikobewertung vor und nach Gegenmaßnahmen.
Wann wird das PAAG-Verfahren eingesetzt?
- Störfallrecht: Die Störfall-Verordnung verlangt eine systematische Ermittlung der Gefahren von Störfällen, ohne eine Methode vorzuschreiben. Leitfäden der Kommission für Anlagensicherheit nennen PAAG/HAZOP als anerkanntes Verfahren und als Standardmethode der Prozesssicherheit.
- Auch unterhalb der Störfall-Verordnung analysiert die chemische Industrie verfahrensbedingte Gefahren häufig mit dem PAAG-Verfahren.
- Zeitpunkt: Das Verfahren braucht ein belastbares Betriebskonzept und ausgearbeitete Planungsunterlagen. Für die frühe Auslegung einer Anlage eignen sich eher Checklisten oder What-if-Analysen.
- Änderungen: Bei Änderungen der Anlage werden die betroffenen Funktionseinheiten erneut betrachtet.
- Abgrenzung: Das PAAG-Verfahren ersetzt nicht die Gefährdungsbeurteilung nach Arbeitsschutzgesetz und Betriebssicherheitsverordnung – und umgekehrt.
PAAG-Verfahren mit Software und KI
HAIZOP bildet die vier PAAG-Schritte digital ab: Aus R&I-Fließbild, Anlagenprofil und Stoffdaten entstehen prüfbare Entwürfe für Abweichungen, Ursachen, Auswirkungen und Gegenmaßnahmen. Das Team prüft, ergänzt und gibt frei; der Audit-Trail hält die Entscheidungen fest. Mehr dazu im Beitrag HAZOP mit KI.
Häufige Fragen
Was bedeutet die Abkürzung PAAG?
PAAG steht für Prognose von Abweichungen, Auffinden der Ursachen, Abschätzen der Auswirkungen und Gegenmaßnahmen – die vier Schritte, mit denen jede Funktionseinheit einer Anlage untersucht wird.
Ist das PAAG-Verfahren dasselbe wie eine HAZOP?
Ja. Die Broschüre der IVSS Sektion Chemie bezeichnet das PAAG-Verfahren als identisch mit der HAZOP-Methode. Unterschiede gibt es nur in Begriffen wie Sollfunktion und Funktionseinheit sowie im Leitwortsatz.
Wer gibt die Grundlagen zum PAAG-Verfahren heraus?
Die IVSS Sektion Chemie, deren Sekretariat bei der BG RCI liegt. Die aktuelle Broschüre „Risikobeurteilung in der Anlagensicherheit – Das PAAG-/HAZOP-Verfahren und weitere praxisbewährte Methoden“ (5. Ausgabe 2020) ist kostenlos erhältlich.
Wie viele Leitworte hat das PAAG-Verfahren?
Das klassische PAAG-Verfahren verwendet sieben Leitworte: nein/nicht, mehr, weniger, sowohl als auch, teilweise, Umkehrung und anders als. Zeitliche Abweichungen fallen unter „anders als“, eine vertauschte Reihenfolge unter „Umkehrung“.
Ist das PAAG-Verfahren gesetzlich vorgeschrieben?
Nein. Die Störfall-Verordnung verlangt eine systematische Gefahrenermittlung, überlässt die Wahl der Methode aber dem Betreiber. PAAG/HAZOP ist ein von den Behörden anerkanntes Verfahren dafür.
Gibt es eine Vorlage für das PAAG-Verfahren?
Ja. Die kostenlose HAZOP-/PAAG-Vorlage von HAIZOP als Excel-Datei enthält Kopfdaten, die Tabelle mit Auswahllisten für Leitworte und Parameter sowie Beispielzeilen.
Quellen und weiterführende Literatur
- IVSS Sektion Chemie / BG RCI: Risikobeurteilung in der Anlagensicherheit – Das PAAG-/HAZOP-Verfahren und weitere praxisbewährte Methoden, 5. Ausgabe 2020 (ISSA 01)
- KAS-19: Leitfaden zum Konzept zur Verhinderung von Störfällen und zum Sicherheitsmanagementsystem
- KAS-55: Leitfaden Mindestangaben im Sicherheitsbericht (2021)
- DGUV FBRCI-009: Gefährdungsbeurteilung und Sicherheitsbetrachtung bei chemischen Reaktionen (2021)
- Störfall-Verordnung (12. BImSchV)
