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Beispiele · HAZOP und PAAG

HAZOP-Beispiele: sechs Knoten Schritt für Schritt analysiert

Wie sieht eine HAZOP-Analyse konkret aus? Die folgenden Beispiele zeigen für sechs typische Anlagenteile, wie aus Auslegungsabsicht, Parameter und Leitwort eine Abweichung wird – und wie das Team Ursachen, Auswirkungen, vorhandene Schutzmaßnahmen und Empfehlungen dokumentiert.

Aktualisiert am · Lesezeit 13 Min. · HAIZOP-Redaktion

Auf einen Blick

  • Jedes Beispiel beginnt mit dem Knoten und seiner Auslegungsabsicht (im PAAG-Verfahren: Sollfunktion).
  • Aus Parameter × Leitwort entsteht die Abweichung, etwa „kein Durchfluss“ oder „mehr Druck“.
  • Auswirkungen werden ohne Schutzmaßnahmen beschrieben; erst danach prüft das Team, ob die vorhandenen Maßnahmen ausreichen.
  • Die Beispiele sind vereinfacht und fiktiv. Werte und Maßnahmen gelten nicht für eine reale Anlage und ersetzen keine Studie durch ein qualifiziertes Team.

So sind die Beispiele aufgebaut

Eine HAZOP-Analyse untersucht eine Anlage Knoten für Knoten. Für jeden Knoten beschreibt das Team die Auslegungsabsicht, kombiniert die relevanten Parameter mit den Leitworten und verfolgt jede sinnvolle Abweichung bis zur Empfehlung. Die Tabellen unten zeigen jeweils einen Ausschnitt; eine vollständige Studie betrachtet deutlich mehr Kombinationen und bewertet das Risiko mit der Risikomatrix des Unternehmens.

Alle Beispiele lassen sich in unsere kostenlose HAZOP-Vorlage übertragen, die zusätzlich Spalten für die Risikobewertung vor und nach Schutzmaßnahmen enthält.

Beispiel 1: Förderleitung mit Kreiselpumpe

Knoten: Förderleitung von Lagertank T-101 über Kreiselpumpe P-101 zum Reaktor R-201. Auslegungsabsicht: Methanol mit 5 m³/h bei 20 °C und 4 bar(ü) zum Reaktor fördern.

AbweichungUrsacheAuswirkung ohne SchutzmaßnahmenVorhandene SchutzmaßnahmenEmpfehlung
NEIN/NICHT: kein DurchflussPumpe P-101 fällt ausDosierung bleibt aus, Reaktion unvollständig; QualitätsverlustDurchflussmessung mit Alarm bei niedrigem DurchflussPrüfen, ob der Reaktor bei Dosierstopp selbsttätig sicher bleibt
NEIN/NICHT: kein DurchflussArmatur auf der Druckseite nach Wartung geschlossenPumpe fördert gegen geschlossene Armatur: Erwärmung, Dichtungsschaden, Methanolaustritt mit BrandgefahrKeineMindestmengenleitung oder Abschaltung bei zu geringem Durchfluss; Armaturenstellung in die Checkliste zur Wiederinbetriebnahme
MEHR DruckNullförderdruck der Pumpe über dem Auslegungsdruck der LeitungUndichtigkeit an Flanschen, Freisetzung, Brand- und ExplosionsgefahrSicherheitsventil mit Rückführung in den TankAuslegung des Sicherheitsventils für diesen Fall nachweisen
UMKEHRUNG: RückströmungPumpe steht, Reaktor unter höherem Druck als der TankReaktionsgemisch strömt in den Lagertank zurück; unerwünschte Reaktion im TankRückschlagklappeWirksamkeit der Rückströmsicherung prüfen und in den Prüfplan aufnehmen

Beispiel 2: Lagertank für eine brennbare Flüssigkeit

Knoten: Atmosphärischer Lagertank T-101 mit Befüllung aus dem Tankwagen und Tankatmung. Auslegungsabsicht: Methanol drucklos lagern, Füllstand zwischen 10 und 85 %.

AbweichungUrsacheAuswirkung ohne SchutzmaßnahmenVorhandene SchutzmaßnahmenEmpfehlung
MEHR FüllstandBefüllung aus dem Tankwagen ohne ausreichende FüllstandskontrolleÜberfüllung, Austritt über die Tankatmung, Lachenbrand möglichFüllstandsmessung mit HochalarmUnabhängige Überfüllsicherung, die die Befüllung abschaltet
WENIGER Druck: UnterdruckEntleeren bei verschmutzter oder vereister AtmungsarmaturTank wird durch Unterdruck verformt oder beschädigtKeineAtmungsarmaturen in den Prüf- und Wartungsplan aufnehmen; Unterdruckabsicherung prüfen
SOWOHL ALS AUCH: Wasser im ProduktKondensat oder Niederschlag gelangt in den TankQualitätsabweichung; Reaktion in wasserempfindlichen Folgeprozessen möglichProbenahme vor der AbgabeEntwässerung und Kontrolle festlegen
ANDERS ALS: falscher StoffVerwechslung beim EntladenUnverträgliche Stoffe im Tank, ReaktionLaborfreigabe vor dem EntladenEntladeanschlüsse stoffspezifisch kennzeichnen oder kodieren

Beispiel 3: Rührkesselreaktor mit exothermer Reaktion

Knoten: Reaktor R-201 im Zulaufverfahren mit Mantelkühlung. Auslegungsabsicht: Edukt B über vier Stunden zur Vorlage A dosieren, Reaktionstemperatur 60 °C, Wärmeabfuhr über den Kühlmantel.

AbweichungUrsacheAuswirkung ohne SchutzmaßnahmenVorhandene SchutzmaßnahmenEmpfehlung
NEIN/NICHT: keine KühlungKühlwasserpumpe fällt ausWärme wird nicht abgeführt, Temperatur steigt, Durchgehen der Reaktion mit Druckanstieg und Behälterversagen möglichTemperaturmessung mit HochalarmDosierstopp bei hoher Temperatur als unabhängige Schutzfunktion vorsehen; Anforderungen per LOPA oder Risikograph bestimmen
MEHR Durchfluss: Dosierung zu schnellDosierregelung versagtNicht umgesetztes Edukt reichert sich an; Wärmefreisetzung übersteigt die KühlleistungTemperaturalarmDosierstrom mechanisch begrenzen; Anreicherung mit reaktionskalorimetrischen Daten bewerten
NEIN/NICHT: kein RührenRührer fällt ausSchlechte Durchmischung, Anreicherung, heftige Reaktion beim WiederanlaufKeineDosierung bei Rührerausfall verriegeln; Wiederanlauf nur nach Freigabe
ANDERS ALS: zu frühDosierung startet, bevor die Vorlage Reaktionstemperatur erreicht hatEdukt reichert sich bei zu niedriger Temperatur an und reagiert später unkontrolliertBetriebsanweisungDosierfreigabe erst ab Mindesttemperatur (Verriegelung)

Beispiel 4: Rohrbündel-Wärmeübertrager

Knoten: Produktkühler W-301, Produkt im Rohrraum, Kühlwasser im Mantelraum. Auslegungsabsicht: Produkt von 80 °C auf 30 °C kühlen; Produktseite 10 bar(ü), Kühlwasserseite 4 bar(ü).

AbweichungUrsacheAuswirkung ohne SchutzmaßnahmenVorhandene SchutzmaßnahmenEmpfehlung
NEIN/NICHT: kein KühlwasserAusfall der KühlwasserversorgungProdukt wird nicht gekühlt; heißes Produkt verdampft im nachfolgenden Tank, DruckaufbauTemperaturmessung nach dem Kühler mit AlarmAbschaltung der Produktzufuhr bei hoher Temperatur prüfen
SOWOHL ALS AUCH: Leckage RohrKorrosion eines RohrsProdukt gelangt wegen des höheren Drucks ins Kühlwasser: Umweltbelastung, Brandgefahr im KühlkreislaufKeineÜberwachung des Kühlwassers auf Produkt vorsehen; Prüfintervalle des Rohrbündels festlegen
MEHR Druck: KühlwasserseiteKühlwasserseite abgesperrt, heißes Produkt strömt weiterEingeschlossenes Wasser dehnt sich aus, Überdruck, Mantel kann versagenKeineThermische Druckentlastung der Kühlwasserseite vorsehen

Beispiel 5: Destillationskolonne

Knoten: Kolonne K-401 mit Kopfkondensator und dampfbeheiztem Sumpfverdampfer. Auslegungsabsicht: Lösemittelgemisch bei 1,2 bar(a) trennen, Rücklaufverhältnis 2.

AbweichungUrsacheAuswirkung ohne SchutzmaßnahmenVorhandene SchutzmaßnahmenEmpfehlung
NEIN/NICHT: keine Kühlung im KondensatorKühlwasserausfallBrüden werden nicht kondensiert, Druck in der Kolonne steigtDruckmessung mit Alarm; Sicherheitsventil am KolonnenkopfBeheizung bei hohem Druck automatisch abschalten; Sicherheitsventil für den Lastfall Kühlwasserausfall prüfen
MEHR WärmezufuhrDampfregelventil öffnet vollständigÜberlastung und Fluten der Kolonne, DruckanstiegDruckalarm, SicherheitsventilDampfzufuhr begrenzen; Hochdruckabschaltung der Beheizung
WENIGER RücklaufRücklaufpumpe fällt ausKopfprodukt außerhalb der Spezifikation, Temperaturanstieg am KopfTemperaturmessung am KopfProdukt bei Abweichung automatisch in einen Zwischenbehälter umleiten
MEHR Füllstand im SumpfSumpfabzug blockiertFlüssigkeit steigt in die Kolonne, Fluten, DruckstößeFüllstandsalarm hochBeheizung bei hohem Sumpfstand abschalten

Beispiel 6: Wasserstoff-Pufferspeicher hinter einem Elektrolyseur

Knoten: Pufferspeicher B-501 zwischen Elektrolyseur und Verdichter. Auslegungsabsicht: Wasserstoff aus dem Elektrolyseur bei 25 bis 30 bar(ü) zwischenspeichern und an den Verdichter abgeben.

AbweichungUrsacheAuswirkung ohne SchutzmaßnahmenVorhandene SchutzmaßnahmenEmpfehlung
MEHR DruckDruckregelung versagt, Verdichter stehtAuslegungsdruck wird überschritten, Behälterversagen, WasserstofffreisetzungDruckabschaltung des Elektrolyseurs; Sicherheitsventil ins AbblasesystemSicherheitsventil und sichere Ableitung des Abblasestroms prüfen
SOWOHL ALS AUCH: Sauerstoff im WasserstoffGasübertritt im Elektrolyseur, z. B. durch MembranschadenZündfähiges Gemisch im SpeicherGasanalyse Sauerstoff im Wasserstoff mit AbschaltungGrenzwerte, Messort und Ansprechzeit der Gasanalyse prüfen; Spülkonzept festlegen
UMKEHRUNG: RückströmungElektrolyseur abgeschaltet, Speicherdruck höherWasserstoff strömt in den Elektrolyseur zurückRückschlagventilZusätzliche Absperrung bei Stillstand vorsehen
SOWOHL ALS AUCH: Leckage nach außenUndichte Verschraubung nach WartungWasserstofffreisetzung, Zündung, Explosionsgefahr in geschlossenen BereichenGaswarnanlage; Aufstellung im FreienDichtheitsprüfung nach Wartung vorschreiben; Explosionsschutzdokument und Zonen prüfen

Was die Beispiele zeigen

  • Konkrete Auslegungsabsicht: Mit Zahlen für Menge, Druck und Temperatur lassen sich Abweichungen eindeutig ableiten.
  • Eine Ursache je Zeile: Unterschiedliche Ursachen haben unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten und oft andere Schutzmaßnahmen.
  • Auswirkungen ohne Schutzmaßnahmen: Nur so bleibt sichtbar, wie viel Risiko die Schutzmaßnahmen tatsächlich abdecken.
  • Empfehlungen konkret formulieren: Mit Verantwortlichen und Termin werden sie nachverfolgt statt vergessen.
  • Weiterführende Bewertung: Szenarien mit schweren Folgen gehen häufig in eine LOPA oder SIL-Bestimmung über.

HAIZOP bereitet solche Tabellen aus R&I-Fließbild, Anlagenprofil und Stoffdaten als prüfbare Entwürfe vor. Das Team entscheidet, was übernommen, geändert oder verworfen wird. Mehr dazu im Beitrag HAZOP mit KI.

Häufige Fragen

Wie sieht ein einfaches HAZOP-Beispiel aus?

Ein Knoten ist zum Beispiel eine Förderleitung mit Pumpe, Auslegungsabsicht „Methanol mit 5 m³/h zum Reaktor fördern“. Das Leitwort NEIN auf den Parameter Durchfluss ergibt die Abweichung „kein Durchfluss“. Ursache: Armatur geschlossen. Auswirkung: Pumpe läuft gegen die geschlossene Armatur, die Dichtung versagt, Methanol tritt aus. Empfehlung: Mindestmengenleitung oder Abschaltung bei zu geringem Durchfluss.

Warum werden Auswirkungen ohne Schutzmaßnahmen beschrieben?

Damit sichtbar bleibt, wie groß das Risiko ohne Schutzmaßnahmen wäre. Erst danach prüft das Team, ob die vorhandenen Maßnahmen wirksam sind und ausreichen. Wer Schutzmaßnahmen zu früh einrechnet, unterschätzt das Risiko.

Kann ich die Beispiele für meine Anlage übernehmen?

Nein. Die Beispiele sind vereinfacht und fiktiv. Sie zeigen die Struktur einer HAZOP-Tabelle, ersetzen aber keine Studie Ihrer Anlage durch ein qualifiziertes, interdisziplinäres Team.

Gibt es die Beispiele auch als Excel-Tabelle?

Die kostenlose HAZOP-Vorlage von HAIZOP enthält Beispielzeilen zu einer Förderleitung mit Pumpe sowie Spalten für die Risikobewertung vor und nach Schutzmaßnahmen.

DemoDE · Leipzig

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